Bindungsspirale

Die natürliche Entwicklung der Bindung

 

1. Lebensjahr - Sinne:

Bei der ersten Bindungsart ist das Ziel die körperliche Nähe. Das Kind muss seine Bindungsperson sinnlich wahrnehmen, sie berühren, hören, sehen oder riechen können. Es wird alles in seiner Macht Stehende tun, um Kontakt zu dieser Person aufrecht zu erhalten. Wird die Nähe bedroht oder gestört, so wird es alarmiert reagieren und schmerzlich Protest zum Ausdruck bringen.

2. Lebensjahr - Gleichheit:

Das Kind versucht, so zu sein wie seine engsten Bezugspersonen und durch Nachahmung und Nacheifern deren Art und Ausdrucksweise anzunehmen. Diese Bindungsform spielt im Spracherwerb und der Kulturübermittlung eine entscheidende Rolle.

Eine andere Art, sich durch Gleichheit zu binden, ist die Identifikation. Sich mit einer Person oder Sache zu identifizieren, bedeutet mit ihr vereint zu sein. Das Selbstgefühl verschmilzt mit dem Identifikationsobjekt. Es sollte sich dabei um wenigstens ein Elternteil handeln. Aber ebenso kann es sein, dass es sich um einen Helden, eine Gruppe, eine Rolle, ein Land, eine Sportmannschaft, eine Idee, eine Arbeit, etc. handelt.

3. Lebensjahr - Zugehörigkeit und Loyalität:

Einer Person nahe zu stehen bedeutet, sie als sein Eigen zu betrachten. Das sich bindende Kleinkind wird auf alles oder jeden, zu dem es eine Bindung hat - ob Mama, Papa, Teddybär oder kleine Schwester - einen Besitzanspruch erheben. Zugehörigkeit führt zu Loyalität, so dass man folgsam und treu auf der Seite seiner auserwählten Bindungsfigur steht.

4. Lebensjahr - Bedeutsamkeit:

Die vierte Bindungsart ist die Suche nach Bedeutsamkeit, dem Gefühl, jemanden wichtig zu sein. Es liegt in unserer Natur, das, was uns wichtig ist, bei uns zu behalten. Wenn wir für jemanden wichtig sind, so sichert uns dies Nähe und Verbindung. Mit drei bis vier Jahren ist das sich bindende Kind ganz darauf aus, zu gefallen und Annerkennung zu finden. Für abfällige und missbilligende Blicke ist es extrem empfänglich. Die Kinder leben für den glücklichen Gesichtsausdruck ihrer Bindungsperson. Das Problem bei dieser Bindungsart ist, dass das Kind durch sie verletzlich wird. Wollen wir jemanden etwas bedeuten, so leiden wir, wenn wir das Gefühl haben, dass wir dieser besonderen Person nicht wichtig sind. Ein empfindsames Kind kann schnell am Boden zerstört sein, wenn die Augen, in denen es Anzeichen von Wärme und Wohlwollen erblicken möchte, bei seinem Anblick nicht erstrahlen.

5. Lebensjahr - Gefühl:

Gefühle von Zuneigung, Liebe und Wärme. Gefühle spielen bei Bindungen immer eine Rolle, aber im Vorschulalter wird das Streben nach emotionaler Nähe bei einem Kind, das tief empfinden kann und sehr verletzlich ist, sehr intensiv. Kinder, die auf diese Art Verbindung suchen, verlieben sich häufig in ihre Bindungspersonen. Erfahren sie emotionale Nähe zu ihren Eltern, so können sie physische Trennungen von ihnen viel besser ertragen und es dennoch schaffen, die Nähe zu ihnen zu bewahren. Das Kind trägt das Bild der liebenden und geliebten Eltern in seinem Geist und findet darin Trost und Halt.

(Jetzt gelangen wir aber in einen gefährlichen Bereich, denn wer sein Herz gibt, riskiert, dass es gebrochen wird. Manchen Menschen entwickeln - gewöhnlich, weil sie früh Ablehnung und Verlassenheit erfahren haben - nie die Fähigkeit, emotional offen und verletzlich zu sein.

6. Lebensjahr - Vertrautheit:

die sechste Art sich zu binden besteht darin, dass man seiner Bezugsperson vertraut wird. Die ersten Anzeichen dieser letzten Bindungsart sind gewöhnlich zu Beginn der Schulzeit erkennbar. Jemanden vertraut zu sein heißt, sich ihm nahe zu fühlen. Diese Bindungsart ist gewissermaßen eine Wiederholung der Bindung über die Sinne, nur dass die Erfahrung, gesehen und gehört zu werden, jetzt auf der psychologischen statt auf der rein physischen Ebene gemacht wird. Wenn ein Kind auf diese Art nach Nähe strebt, wird es seine Geheimnisse teilen, wobei die Nähe sogar häufig über die Geheimnisse definiert wird. Kinder, die sich an ihren Eltern orientieren, haben ungern Geheimnisse vor ihnen, da dies zu einem Verlust an Nähe führt. Viel verletzlicher, als wenn man sich psychisch entblößt, kann man fast nicht werden. Sich einem anderen mitzuteilen und dann missverstanden oder abgelehnt zu werden ist ein Risiko, das vielen die Sache nicht wert ist. Folglich handelt es sich bei dieser um die seltenste Form der Intimität und den Grund, weshalb so viele von uns, auch bei geliebten Menschen, zurückhaltend sind, über unsere tiefsten, uns selbst betreffenden Unsicherheiten und Sorgen zu sprechen. Dennoch gibt es keine größere Nähe als das Gefühl, jemandem vertraut und jederzeit willkommen zu sein und von ihm, so wie man, ist gemocht, akzeptiert und angenommen zu werden.

 

Bei einer gesunden Entwicklung verflechten sich diese sechs Stränge zu einem starken Verbindungsseil, dass Nähe auch unter den widrigsten Umständen gewährleisten kann. Mit einer vollständigen Bindung hat das Kind viele Möglichkeiten, seiner Bezugsperson, auch bei physischer Trennung, nahe zu bleiben und an ihr festzuhalten.

(Kinder die sich nur auf bestimmte Arten binden können, sind stark von diesen Bindungsarten abhängig, etwa so, wie Blinde bei ihrer Wahrnehmung der Welt von ihren übrigen Sinnen abhängig sind. Kann ein Kind Beziehungen nur auf eine Art aufrechterhalten, so wird es sich wahrscheinlich intensiv und äußerst stark an seine Bezugsperson klammern.