Wie die Reifeentwicklung gefördert werden kann

Die Reifeentwicklung kann nicht befohlen werden. Man kann einem Kind nicht beibringen, ein Individuum zu sein, oder mit ihm üben, es selbst zu sein, denn das ist einzig und allein das Werk der Reifeentwicklung. Wir können den Prozess fördern, die rechten Bedingungen schaffen und Hindernisse aus dem Weg räumen. Aber so wie wir den Pflanzen nicht befehlen können zu wachsen, können wir auch ein Kind nicht heißen, erwachsen zu werden.

Unreifen Kindern müssen wir möglicherweise zeigen, wie sie sich verhalten sollen, welches Verhalten akzeptabel ist, und ihnen unsere Erwartungen beschreiben. Solch vorgegebenes Verhalten darf man allerdings nicht mit Reife verwechseln. Man kann keine höhere Reife aufweisen, als man tatsächlich hat, sondern sich lediglich, bei entsprechender Anleitung, so verhalten als ob.

Abwechseln, weil es sich so gehört, ist auf jeden Fall höflich, aber nur Reife kann dazu führen, dass man sich aus einem eigenen Gerechtigkeitssinn heraus so verhält.

Die Reife kommt von innen (aus dem Verstand und aus dem Herzen). Die wahre Herausforderung für Eltern besteht darin, ihren Kindern zu helfen, dass sie wirklich erwachsen werden und nicht nur wie Erwachsene aussehen.

Die Reifeentwicklung beginnt mit der Bindung. Die Bindung hat für das Leben oberste Priorität. Nur wenn das Hauptbedürfnis nach Bindung hinreichend gestillt wurde, ist Reifeentwicklung überhaupt möglich. Das Programm, als eigenständiger Mensch lebensfähig zu werden, kann erst dann in den Vordergrund rücken, wenn das Bedürfnis nach Bindung, nach fürsorglichen Kontakt und nach einer bedingungslos zuverlässigen Beziehung erfüllt ist.

Um Unabhängigkeit zu fördern, müssen wir zunächst zur Abhängigkeit einladen, um Individuation zu fördern, müssen wir ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Einheit bieten, um dem Kind bei der Trennung zu helfen, müssen wir die Verantwortung übernehmen, es in unserer Nähe zu halten. Wir helfen einem Kind loszulassen, indem wir ihm mehr Kontakt und Verbindung bieten als es selbst sucht.

Wenn es in den Arm genommen werden will, umarmen wir es mit mehr Wärme, als es uns entgegenbringt.

Wir befreien Kinder nicht, indem wir sie für unsere Liebe arbeiten lassen, sondern indem wir sie in unserer Liebe ruhen lassen.

Unabhängigkeit und echte Trennung werden durch Abhängigkeit und Bindung gefördert.

Menschen wachsen aus ihrem Bedürfnis nach Verbindung zu anderen nie heraus und sollen dies auch gar nicht. Aber reife, wirklich individuelle Menschen werden von diesem Bedürfnis nicht beherrscht.

Die Entwicklung zu einem solch eigenständigen Menschen dauert die gesamte Kindheit lang, die sich bis zum Ende zu Jungendlichenalters und, in der heutigen Zeit, vielleicht noch darüber hinaus erstreckt.

Wir müssen unsere Kinder von der ständigen Sorge um ihre Bindung entlasten und ihnen so das natürliche Programm der unabhängigen Reifeentwicklung ermöglichen.

Das Geheimnis dabei besteht darin, sicherzustellen, dass das Kind zur Erfüllung seiner Bedürfnisse nach Kontakt, Nähe und Orientierung nichts tun muss.

Die kindliche Bindungsbedürfnisse müssen erfüllt sein, erst dann kann sich die Energie zur Individuation hin verlagern, dem Prozess, eine wirklich eigenständige Person zu werden. Erst dann wird das Kind frei sein, sich vorzuwagen und emotional weiterzuentwickeln.

Bedingungslose elterliche Liebe ist der unentbehrliche Nährstoff für das gesunde emotionale Wachstum des Kindes.

Die erste Aufgabe besteht darin, im Herzen des Kindes Raum für die Gewissheit zu schaffen, dass es genau der Mensch ist, den die Eltern wollen und lieben.

Es muss nichts tun oder an sich ändern, um diese Liebe zu verdienen (tatsächlich kann es gar nichts tun, da man Liebe weder gewinnen noch verlieren kann). Sie ist nicht an Bedingungen geknüpft.

Das Kind kann gereizt, anstrengend, weinerlich, unkooperativ oder schlichtweg unverschämt sein, und die Eltern geben ihm dennoch das Gefühl, dass es geliebt wird.

Es müssen Wege gefunden werden, dem Kind zu vermitteln, dass bestimmte Verhaltensweisen inakzeptabel sind, ohne ihm das Gefühl zu vermitteln, dass es selbst inakzeptabel sei.

Es muss mit seiner Unruhe und seinen unliebsamsten Eigenschaften zu seinen Eltern kommen können und dennoch deren absolut befriedigende, Sicherheit vermittelnde, bedingungslose Liebe erhalten.

(Hierfür ist es natürlich notwendig, dass wir zur bedingungslosen Liebe zu jemand anderen fähig sind. Dazu müssen wir uns selbst bedingungslos lieben können, dafür ist eine gefestigte Persönlichkeit notwendig, ansonsten wird es immer wieder sehr anstrengend sein und hier und da nicht vorhanden.

Auch um die volle Verantwortung für das Kind zu übernehmen und dadurch die Sicherheit zu geben, die es braucht ist ein gefestigtes Selbst erforderlich. Daher kommt es auch bei den motiviertesten Eltern, die um diese Umstände wissen, zu Problemen. Es geht nicht leicht von der Hand, es muss immer daran gedacht werden, etc. Die eignen Unfähigkeiten, Entwicklungslücken und Ängste erschweren und verhindern oft die erforderliche Bindung zum Kind. Die Reifentwicklung der heutigen Eltern, konnte oftmals selbst nicht abgeschlossen werden, weil ihnen genau diese bedingungslose Liebe, genau die Bindung, die Sicherheit gefehlt hat.)